Der Wolf im Geschenkspelz

Der Wolf im Geschenkspelz

von Sidonia

“Und auf was stehst du so?”
Es ist eine einfache Frage, eine die ich beruflich wie auch privat regelmässig zu Ohren bekomme oder auch stelle. Denke du einmal darüber nach, wie du darauf antworten würdest.

Ich liebe diesen vorfreudigen Moment, den Shift und Stimmungswechsel zu spüren, während die Person zum Antworten ansetzt. Vielleicht ist es meine Fantasie, aber ich bekomme oft den Eindruck, dass die Person auch ein bisschen stolz ist, mir zu verraten, wie sie tickt. Zu zeigen, wie grosszügig, dass sie ist. Denn… *Trommelschlag* … die häufigste Antwort ist meiner Erfahrung nach eine Variation von Folgendem: “Ich stehe darauf, anderen Lust zu bereiten”.

Konkret sieht das folgendermassen aus: Lars findet das eine heisse Vorstellung, das Objekt von Saschas Lust zu werden. Er wird in seinen Fantasien von ihr gefesselt, geritten und ausgepeitscht, wie es ihr gerade passt, unabhängig von seinem Gemütszustand. Sascha steht aber eher auf Slow Sex und Tantramassagen und will bei Kerzenlicht mit warmem Öl über seinen Körper gleiten und zuschauen, wie er mehr und mehr in einen Trancezustand verfällt und von lauter Erregung sich komplett gehen lässt, was sich in einen phänomenalen Orgasmus seinerseits mündet. Das Problem dabei? In beiden Fantasien geht es einerseits um das Erlebnis, andererseits steht aber die Lust des Gegenübers im Fokus, und nicht die eigene.

Ich würde nie widersprechen, dass es schön ist, uns um unsere sexuelle Partner*innen zu kümmern, indem wir probieren sie in die Lust zu treiben, sei es mit Federn oder Peitschen, Vibratoren oder Zungen, vielleicht auch der Darbietung des eigenen Körpers. Aber sind wir ehrlich; zu welchem Teil geht es in diesen Situationen wirklich um das Gegenüber? Wenn es um unsere Fantasien und Wünsche geht, wieso geht es nicht mehr darum wie WIR uns fühlen? What’s actually in it for me? Für mich persönlich ist es ein unheimlich geiles Gefühl zu merken, dass sich jemand komplett in mich oder meine Berührung verliert und gar nicht anders kann als in den Moment zu schmelzen und mich mit in die Ekstase zu ziehen. Es gibt mir auch viel Selbstwert; ich bin begehrenswert, ich bin gut im Bett und meine Skills sitzen. Ausserdem hat diese vollkommene, verkörperte Präsenz einen krass starken Sog. Mit wenig manuellem Aufwand werde ich in einen Wirbel der Leidenschaft gezogen, und es ist genau das, was ich beim Sex suche: Trance, Verbundheit, Zeitlosigkeit.

Das Ding ist aber: Wenn Sascha sich in Schale wirft und auf dominante Femme Fatale macht, die gar nicht anders kann als Lars zu begrapschen macht sie das gar nicht aus diesem von ihm fantasiertem Eigentrieb, sondern eben – als Freude für Lars. Und klar geniesst Lars die erotische Massage von Sascha, er fühlt sich aber auch etwas unruhig, weil er nicht so gerne die ganze Aufmerksamkeit auf sich hat und Sascha am liebsten eigentlich gerne zurück berühren will!

Betty Martin spricht bei diesem Phänomen von der indirekten Route zur Lust. Das heisst, dass jemand sich durch die Reaktion der anderen Person entzückt, anstatt sich direkt durch die Berührung selbst und andere Sinnesreize zu erregen. Das Problem dabei? Durch diese Strategie macht mensch sich von einer Reaktion des Gegenübers abhängig und setzt beide dadurch vielleicht ungewollt unter Druck. Entweder die ausgeführte Berührung löst genau den gewünschten Effekt aus, oder Geilheit kommt bei beiden zu kurz. Kennst du das Gefühl? Es stimuliert dich jemand an deinen Genitalien und es ist voll nicht so, wie es dir gefällt. Oder du wirst auf eine schöne Art berührt, aber du merkst, dass du nicht hart oder feucht wirst und hast Angst, die andere Person zu enttäuschen. Vielleicht bist du nicht sicher, ob du schon etwas sagen sollst, ob du erst einmal ein bisschen abwarten sollst und sie einfach machen lassen? Ach komm, lassen wir sie doch einfach Mal! Sie sehen ja so aus als würde es ihnen Spass machen! Währenddessen ist die andere Person in ihrem eigenen Film und wünschst sich, genauso wie du, nichts sehnlicher als dir zu gefallen, dir etwas Gutes zu tun, dich in den Wahnsinn zu treiben. Niemand ist wirklich bei sich, niemand ist wirklich im Moment, und niemand ist mit der eigenen Lust verbunden.

Durch das Erlernen durch die direkte Route der Berührung zu nehmen, konnte ich lernen, egal auf welcher Seite, voll im Spüren zu sein. Ich lernte, dass Klarheit und Kommunikation sexy as fuck ist. Wann es darum geht, meine Wünsche zu äussern, und wann es darum geht meine Grenzen zu setzen. Am meisten habe ich aber gelernt, dass Authentizität, meine Lust zu kennen und zeigen das beste Geschenk ist, dass ich Klient*innen oder Sexpartner*innen machen kann.

Auf was stehst du so? Das Gefühl von feuchten Vulvalippen auf deiner Zunge? Deine Zehenzwischenräume ausgiebig geleckt zu bekommen? Gefesselt und bewegungslos mit einem sanft aufgelegten Vibrator auf deiner Klitoris zu spüren? Das brennen auf deinen Händen und den Klang von einem perfekt platzierten Spanking?

Betty Martin’s Arbeit ist facettenreich und inspiriert und bewegt mich zutiefst. Sie stellt immens viel Theorie kostenfrei online zur Verfügung. Checke es aus und vertiefe kostenfrei dein Wissen zum Thema!

Nächstes Jahr werden wir zwei Workshops zu diesem Thema halten, mit anderen Schwerpunkten: Bei Good Vibrations geht es um Sexualität in der Partnerschaft und bei BDSM & Consent um BDSM und Kommunikation. Wir freuen uns auf euch!

Sidonia
sidonia@zwischenwelten.ch
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