Beispiele zu Transparenz, Macht, Konsens und Status in Workshop-Settings und Subkulturen

Beispiele zu Transparenz, Macht, Konsens und Status in Workshop-Settings und Subkulturen

In nächster Zeit wollen wir das Thema Konsens & Kursleitung beleuchten und euch einen eigenen Prozess offenlegen, den wir momentan teamintern durchgehen. Wir hoffen auf Feedback und Unterstützung von euch!

Eine uns bekannte Person hat uns informiert, dass es jemanden aus dessen Bekanntenkreis gibt, der eine übergriffige Erfahrung mit einer Person erlebt hat, die mit uns zusammenarbeitet. Dies hat uns aufgerüttelt.

Wir ordnen das folgendermassen ein:

  • Wir haben eine persönliche, positive, etablierte Vertrauensbeziehung mit dieser Person, auf die wir uns beziehen können.
  • Auch unsere professionelle Zusammenarbeit funktioniert gut und ethische Inkongruenzen war dort bisher kein Thema.
  • Wir hatten schon ein paar unglückliche Dating-Geschichten von anderen über ihre Erlebnisse mit dieser Person gehört. Dort drehten die Themen der Betroffenen soziales Verständnis rund um Rahmenbedingungen und Normen in intimen Situationen.
  • Diese Person hat früher vor uns in anderen Spaces zu anderen Ethikrichtlinien gearbeitet. Diese waren loser und emotional chaotischer in einem Ausmass, wie wir es nicht machen würden.

 

Wie gehen wir das nun an?

  • Transparenz vor allem: Wir wollen offen über diesen Prozess sprechen.
  • Unsere Zusammenarbeit mit dieser Person wird pausiert.
  • Gespräche, Feedbackprozesse und Gespräche sind kontinuierlich bei uns am Laufen.
  • Wir klären ab, ob es Sinn macht und möglich ist, den Gerüchten nachzugehen und mehr Infos zu erhalten.
  • Wir wollen diese Gelegenheit nutzen, generell Feedback von euch zu erfragen über Macht, Dynamiken, Kursleitung und allgemeine Kritikpunkte.
  • Wir klären ab, was die Möglichkeiten für ein externes/anonymes Feedbacksystem sein könnten.
  • Wir wollen unsere Regeln und Guidelines anpassen, wo wir transparent die Rollen und Macht von Mitarbeitenden anerkennen und unsere Guidelines dazu publizieren

Wir wollen ganz allgemein das Thema angehen, welches auch ausserhalb unserer Geschichte viele Menschen zu beschäftigen scheint. Wie funktioniert Spaceholding und Kursleitung innerhalb der kinky, queeren und sexpositiven Community? Wie handhaben das andere? Wie wird das angegangen? Was für Ethikstandards gibt es?

Wir danken euch für die vielen Gespräche, die Unterstützung und das Vertrauen von euch. Wir freuen uns, mit offenen Augen und Herzen auch bei uns selbst ganz genau hinzuschauen und transparent über unsere Reise zu berichten.

Beispiele zu Transparenz, Macht, Konsens und Status in Workshop-Settings und Subkulturen

Beim Nachdenken über unser aktuelles Thema wird deutlich, dass wir von Unklarheit umgeben sind. Es wäre verlockend zu behaupten, es gäbe eine einfache Formel oder klare professionelle Richtlinien, doch unsere Subkultur ist klein und die Dynamiken sind komplex.
Als Grundlage für unsere Diskussion haben wir einige Beispiele zusammengestellt. Diese sind zwar fiktiv, jedoch von echten Erfahrungen aus schweizweiten Workshopsetting inspiriert.

Inhaltswarnung: Diese Beispiele besprechen Intimität, Sexualität und Machtdynamiken und kann aufwühlend sein.

Beispiel 1
Remo ist bekannt dafür, auf junge Frauen zu stehen, und dies ist unter seinen regelmäßigen Kursteilnehmer*innen ein bisschen ein Insider-Witz geworden. Je älter er wird, desto mehr fällt es auf. Seine Kurse nutzt er unter anderem auch als Plattform, um neue Liebhaber*innen zu finden, und sieht auch kein Problem damit, intime Kontakte mit Erstbesucher*innen zu suchen. Es beginnt meistens mit Spielen im Kurs-Setting, aber wenn es funkt, darf es auch außerhalb weitergehen. Die Frauen assistieren oft auch an Workshops; irgendwann verschwinden sie dann wieder aus der Community, und es ist eine Frage der Zeit, wann eine neue Person diesen Platz füllt.

Beispiel 2
Daniel sagt immer wieder, dass er sich „früher einfach nicht im Griff“ hatte. Frauen, die ihm während seiner Kurse gefielen, lud er zu privaten Massage-Sitzungen in seiner Praxis ein. Bei einem Vorgespräch bot er den Frauen ein Glas Champagner an, bevor sie sich hinlegten, um die Massage zu genießen. Ungefragt kam es während der Sitzungen zu „Upgrades“, die auch ungeschützten Geschlechtsverkehr beinhalteten.

Beispiel 3
Kilian und Bruna hatten einen aufregenden Flirt auf einem sexpositiven Event. Bruna war sich bewusst, dass er auch Kurse anbietet, und so buchte sie gemeinsam mit einer Freundin einen Workshop bei ihm. Während des Workshops setzte sich das Flirten fort. Er berührte sie am Po, machte doppeldeutige Witze und als er in seiner Rolle als Lehrer vorbeikam, zeigte er ihr einige verführerische Moves.

Beispiel 4
Katharina ist Sexsarbeiterin und Kursleiterin zugleich. Kurt buchte bei Katharina private Sessions, wo auch Geschlechtsverkehr passierte.
Im Verlauf der Jahre hat Kurt sich den Mut gefasst und sich entschieden auch an Katharinas Workshops teilzunehmen. Die privaten Sessions, wie auch Gruppenkurse gaben ihm einen emotionalen Anker und ein Gefühl von Zugehörigkeit.
In den Kurssettings gibt sich Katharina auch persönlicher, als sie es in ihrer Sexarbeit macht. Sie teilt aus ihrem Privatleben. Dies verstärkt die romantischen Gefühle von Kurt. Es kommt zu ein paar Missverständnissen und persönlichen Reibungen. Dies führt dazu, dass Kurt kein willkommener Gast mehr an Katharinas Workshops oder Einzelsessions ist. Dies ist ein grosser persönlicher Verlust für ihn.

Beispiel 5
Ursula hat über die Jahre hinweg zahlreiche kinky Workshops organisiert und geleitet. Sie wäre gerne unbeschwert mit Menschen aus der Community unterwegs und würde sie daten, doch sie zögert aus Angst, dass ein Missgeschick ihrem Ruf schaden könnte.

Beispiel 6
Chrigi trifft immer wieder faszinierende Menschen bei seinen Workshop-Veranstaltungen. Einige von ihnen lädt er ein, sich auch privat zu treffen, um gemeinsam zu spielen. So kam es auch mit Lydia. Sie trafen sich ausserhalb der Workshops, und es entwickelte sich einige sexuelle Spielsession. Was Lydia jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass Chrigis Beziehungsvereinbarungen dies eigentlich nicht erlaubten. Dies erfuhr sie erst, als sie im Laufe der Zeit auch die Freundinnen von Chrigi als Teil der Community kennengelernt hat. Ausserdem fühlt sie sich nach dem Ende der Spielbeziehung etwas ausgenutzt und abgewiesen. Sie wil nicht mehr auf zukünftige Veranstaltungen von Chrigi gehen, obwohl sie den Event selbst als sehr bereichernd empfand.

Let’s Talk about it: Was bewirken diese Geschichten in euch?
Welche Emotionen und Gedanken werden in euch geweckt?
Was haltet ihr für akzeptabel, und was nicht?
Habt ihr eigene Erfahrungen oder Beispiele, die ihr teilen möchtet?

Wir freuen uns auf eure Kommentare, gerne auch per Mail asktheunicorn@zwischenwelten.ch!

Sidonia
sidonia@zwischenwelten.ch
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